Bayern-Torhüter Ulreich: »Ein Wahnsinnstyp, dem ich nichts mehr gönne als Glück in seinem Leben.«
Foto: Bahho Kara / Kirchner-Media / picture allianceDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Am Ende eines wilden Samstagnachmittags schritt die Mannschaft des FC Bayern zu Block G, dem Gästeblock der Leverkusener Arena. Joshua Kimmich zeigte die Fäuste, andere Spieler feierten mit den Fans.
Mittendrin in der Traube stand auch Sven Ulreich, bis ihn plötzlich Leon Goretzka packte und nach vorn schubste Richtung Zaun. Allein in der ersten Reihe, im Fokus zu stehen, zu hören, wie der mitgereiste Anhang seinen Namen skandierte, Ulreich wirkte fast etwas unangenehm berührt.
Ulreich klatschte zurück in Richtung Tribüne, dann kam Harry Kane auf ihn zu. Der Torjäger umarmte ihn. Er weiß, was sie an Ulreich haben, als Torwart und als Mensch. Nach den 90 Minuten, in denen er mit großartigen Paraden den Punktgewinn gesichert hatte. Und nach all der schweren Zeit, die er privat durchleben musste.
Goretzka schiebt Ulreich Richtung Fankurve
Foto: Moritz Mueller / Moritz Müller / IMAGOFür Sven Ulreich war es das erste Spiel für den FC Bayern nach 18 Monaten. Das erste Spiel nach dem Tod seines sechs Jahre alten Sohnes im vergangenen Sommer.
Das 1:1 des FC Bayern bei Bayer Leverkusen war auch ohne diese große emotionale Note rund um Ulreich ein mitreißendes Bundesliga-Spiel mit viel Gesprächsstoff: Zwei Platzverweise für die Bayern und zwei nicht gegebene Tore wegen Handspiels sorgten für reichlich Diskussionsstoff. Vielsagend war die Aussage von Sportchef Max Eberl nach dem Abpfiff. »Wir haben 1:1 gewonnen«, sagte er.
Nach 21 Siegen und nur einer Niederlage in 25 Ligaspielen gegen den Tabellensechsten unentschieden zu spielen, bei einer Mannschaft, die 22 Punkte hinter dem FC Bayern liegt – man hätte angesichts dieses Resultats auch pure Enttäuschung vom Sportvorstand erwarten können. Eberl sah es jedoch anders. Er führte dies auf die vielen knappen Schiedsrichter-Entscheidungen zurück, die seiner Ansicht nach immer zum Nachteil der Bayern ausfielen, vor allem aber auf die lange Zeit in Unterzahl.
Platzverweis für Díaz: Vorwurf der Schwalbe
Foto: Thilo Schmuelgen / REUTERSUmso bemerkenswerter war die Leistung der neun Bayern in den letzten 15 Minuten des Spiels. Es war ein beherzter Abwehrkampf, der ein wenig an das Zitat von »Ackern und Rammeln« erinnerte. So hatte Joshua Kimmich im November das hart erarbeitete 2:2 bei Union Berlin beschrieben. Es erinnerte auch an das 2:1 bei Paris Saint-Germain im vergangenen Herbst, als die Bayern nach einem Platzverweis – ebenfalls gegen Luis Díaz – mehr als eine Halbzeit in Unterzahl waren. Dabei spielten sie so konsequent defensiv, als hätten sie in ihrer Fußballschule nie etwas anderes gelernt als die hohe Kunst des Catenaccio, das extreme Verteidigen.
Mit wie viel Hingabe sie zu neunt das 1:1 hielten und verteidigten, wie Harry Kane als dritter Innenverteidiger den Fünfmeterraum sicherte – all das erfüllte Trainer Vincent Kompany mit »unglaublichem Stolz«. Deshalb feierten sie den hart erkämpften Punktgewinn fast mehr als ein 8:1 gegen Wolfsburg, ein 4:0 in Heidenheim. Oder ein 6:1 in Bergamo.
Ulreich rettet das Unentschieden
Und es ging auch um Sven Ulreich, um Ulle, wie sie ihn beim FC Bayern nennen. Sein bisher letztes Spiel hatte er im September 2024 beim 5:0 in Bremen bestritten, vor eineinhalb Jahren. Inzwischen ist er die Nummer drei in der Münchner Torwart-Hierarchie, hinter Manuel Neuer und Jonas Urbig. Da Neuer jedoch an einem Muskelfasereinriss laboriert und Urbig am Dienstag in Bergamo eine Gehirnerschütterung erlitt, durfte Ulreich nun wieder ins Tor.
»Ulle, Man of the Match«, sagte Eberl nach den Rettungsaktionen des 37-Jährigen in den Schlussminuten, und fügte dann noch hinzu: »Nach dem, was er erlebt und mitgemacht hat.«
Ulreich und Teamkollegen: »Ulle, Man of the Match«
Foto: Federico Gambarini / dpaEberl bezog sich dabei auf Ulreichs persönliche Geschichte. Ulreich stand in der vergangenen Saison aus privaten Gründen oft nicht im Kader. Im Sommer 2025 gab er auf Instagram bekannt, dass sein sechsjähriger Sohn Len nach langer, schwerer Krankheit gestorben sei.
»Jeder, der seinen Weg kennt, seine Geschichte, weiß, dass er nicht nur als Fußballer überragend ist, sondern auch als Mensch«, sagte Rechtsverteidiger Josip Stanišić später. Er wirkte dabei berührt, seine Augen glänzten glasig. »Er ist ein Wahnsinnstyp, dem ich nichts mehr gönne als Glück in seinem Leben. Jeder, der Kinder zu Hause hat, weiß, wie schwer das ist, wie schwer das sein muss, was er durchlebt und seine Familie.« Stanišić ist selbst Vater von zwei Kindern: einem zweijährigen Sohn und einer sechs Monate alten Tochter.
Ulreich selbst sagte nur, dass es »ein besonderes Spiel« für ihn gewesen sei. Mehr musste er auch nicht sagen.
Dann sprach er von der guten Zusammenarbeit mit Neuer und Urbig und davon, dass er gern noch ein Jahr bei den Bayern bleiben würde. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Gespräche mit dem Club über eine mögliche Verlängerung gab es bislang nicht. Möglicherweise finden Unterredungen auch erst statt, wenn sich Manuel Neuer entschieden hat, ob er seine Karriere im Sommer beendet oder noch ein weiteres Jahr anhängt. Aus Clubkreisen war zuletzt zu hören, dass sich Neuer bei seinen vergangenen Vertragsverhandlungen immer mit Nachdruck auch für ein weiteres Engagement seines befreundeten Teamkollegen Ulreich starkgemacht haben soll.
Muss gegen Bergamo der 16-jährige Leonard Prescott ins Tor?
Ob Ulreich auch am kommenden Mittwoch im Tor im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Bergamo (21 Uhr, TV: Dazn) im Tor stehen wird, ist noch offen. Kurz vor Ende des Spiels habe Ulreich ein leichtes Ziehen im Oberschenkel gespürt, sagte der Torhüter.
Sollte er tatsächlich ausfallen und auch Neuer und Urbig noch nicht einsatzfähig sein, könnte sogar der 16-jährige A-Jugend-Torwart Leonard Prescott zum Einsatz kommen. Es wäre angesichts eines Fünf-Tore-Vorsprungs aus dem Hinspiel wohl zu verkraften.
Bis zum wahrscheinlichen Viertelfinale im April gegen Real Madrid oder doch noch Manchester City (Hinspiel: 3:0) sollten die Torhüter aber wieder genesen sein. Das gilt ebenso für die übrigen Verletzten Jamal Musiala und Alphonso Davies. Und es wird wichtig, dass bei den Bayern auf ihrem Weg zur Champions-League-Trophäe keine weiteren Ausfälle hinzukommen.
Was sie vielleicht als gutes Omen aus Leverkusen mitnehmen können: Das bislang letzte Mal, dass die Bayern ein Spiel zu neunt beendeten, war im April 2001, vor 25 Jahren. Damals flogen in Dortmund Bixente Lizarazu und Stefan Effenberg vom Feld. Auch damals endete das Spiel 1:1 und wenige Wochen später gewannen die Bayern die Champions League.

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